Entnahmeplan - Aktien reduzieren oder eben genau nicht?!

Habe gerade diesen interessanten Beitrag im justetf Newsletter gelesen:

Ganz interessant, da der Artikel der gÀngigen Sichtweise eher widerspricht, dass der Aktienanteil vor der Pensionierung (und danach) schrittweise immer weiter reduziert werden sollte.

Voraussetzung ist, dass man starke Vermögensschwankungen ertragen kann (Börsecrashs), wobei diese etwas abgefedert werden können, wenn man bereit ist, die Entnahmen flexibel dem Börsenverlauf anzupassen.

Klingt interessant, aber ich habe zum GlĂŒck noch Zeit, bevor ich mich mit dem Thema konkret auseinandersetzen muss.

Vielleicht haben sich ja einige schon vertieft mit dem Thema auseinandergesetzt?

Wie ist euer Standpunkt dazu?

Hier eine Zusammenfassung des Artikels, erstellt mit Gemini:

Der Artikel auf justETF befasst sich mit einer provokanten These aus einer aktuellen wissenschaftlichen Studie: Die optimale Strategie fĂŒr die Altersvorsorge sei eine Aktienquote von 100 % – und zwar ein Leben lang.
Hier sind die Kernpunkte der Zusammenfassung:

  1. Das neue Risiko-VerstÀndnis
    Klassischerweise wird Risiko oft mit VolatilitĂ€t (kurzfristigen Schwankungen) gleichgesetzt. Die Studie argumentiert jedoch, dass fĂŒr die Altersvorsorge das Pleiterisiko (Ruin Probability) entscheidend ist – also die Gefahr, dass das Geld vor dem Lebensende ausgeht.
  • Anleihen mindern zwar die Schwankungen, erhöhen aber durch geringe Realrenditen und InflationsanfĂ€lligkeit langfristig das Risiko, dass das Kapital aufgezehrt wird.
  • Aktien hingegen werden statistisch sicherer, je lĂ€nger man sie hĂ€lt (MittelwertrĂŒckkehr).
  1. Kritik am „Lifecycle Investing“
    Die gĂ€ngige Regel „100 minus Lebensalter“ (mit zunehmendem Alter mehr Anleihen) wird kritisch hinterfragt.
  • Anleger in herkömmlichen Stichtagsfonds (Target-Date Funds) mĂŒssen laut Studie bis zu 63 % mehr sparen, um das gleiche Schutzniveau im Alter zu erreichen wie mit einer 100-%-Aktienstrategie.
  • Die Pleitewahrscheinlichkeit lag in den Simulationen bei 100% Aktien bei nur 6,7%, wĂ€hrend sie bei Mischportfolios auf fast 20% stieg.
  1. Die Rolle des Weltportfolios
    Die Studie empfiehlt kein reines Investment in einen einzelnen Markt (wie nur US-Aktien), sondern ein breit diversifiziertes Weltportfolio (z. B. 33% Heimatmarkt / 67% international), um sich gegen regionale Krisen und Inflation abzusichern.
  2. Umgang mit dem Crash-Risiko bei Rentenbeginn
    Um das Risiko eines Börseneinbruchs direkt zum Renteneintritt (Sequence of Returns Risk) zu mindern, schlÀgt der Artikel zwei Lösungen vor:
  • Taktischer Cashpuffer: Kurz vor Rentenbeginn wird ein Teil (ca. 27%) in kurzfristige Staatsanleihen umgeschichtet, der aber innerhalb weniger Jahre (bis zum Alter von 70) wieder komplett in Aktien investiert wird.
  • Flexible Entnahme: Wer seine Ausgaben in schlechten Börsenjahren reduzieren kann, senkt sein Pleiterisiko nahezu auf Null.
    Fazit und EinschrÀnkungen
    Obwohl die Statistik fĂŒr 100% Aktien spricht, betont der Artikel auch die psychologische Komponente:
  • WohlfĂŒhlfaktor: Man muss einen theoretischen Wertverlust von ĂŒber 50% aushalten können, ohne in Panik zu verkaufen.
  • Gesetzliche Rente: Diese fungiert bereits wie ein „sicherer“ Rentenbaustein, was eine höhere Aktienquote im privaten Depot rechtfertigen kann.
  • Individuelle Entscheidung: Die Strategie erfordert starke Nerven und ein ausreichend großes Startkapital fĂŒr FlexibilitĂ€t bei den Entnahmen.
5 „GefĂ€llt mir“

Spannende Studie, danke fĂŒrs Teilen!

Habe den Artikel gelesen und mich auch mit meinem Sohn (Vermögensberater) darĂŒber ausgetauscht.
GrundsÀtzlich macht die Studie etwas Wichtiges: Sie stellt die richtige Frage. Nicht «wie stark schwankt mein Depot?», sondern «geht mir das Geld vor dem Tod aus?». Das ist ein Perspektivenwechsel, der in der klassischen Beratung viel zu kurz kommt. Und die «100 minus Lebensalter»-Regel ist eh veraltet.

Aber: Die Studie beschreibt ein statistisches Optimum ĂŒber Millionen Simulationen. Du hast genau ein Leben. Wenn du mit 64 einen 55%-Crash erlebst und in Panik verkaufst, nĂŒtzt dir die schönste Statistik nichts.

Was ich als eigentlichen Gamechanger im Artikel sehe, ist nicht die 100%-Quote selbst, sondern die flexible Entnahme. Wer in schlechten Börsenjahren weniger entnimmt, senkt sein Pleiterisiko massiv. Das ist der Hebel. (Aber Theorie und Praxis 
)

FĂŒr die Schweiz kommt noch dazu: AHV und PK sind bereits ein substanzieller sicherer Einkommensstrom – quasi schon dein Anleihen-Baustein.

Trotzdem ist «100% Aktien fĂŒr alle» genauso pauschal wie «100 minus Lebensalter». Ich habe im FinanzFahrplan Ziel basiertes Investieren gelernt: Erst Ziel, dann IST-Zustand, dann LĂŒcke berechnen, dann Strategie. Jemand mit CHF 2 Mio. und einer soliden PK kann locker mit 95% Aktien in die Entnahme gehen. Jemand mit CHF 300’000 und einer Mini-Rente braucht deutlich mehr Puffer als der Vorschlag. Die Studie kennt berĂŒcksichtigt deine Situation nicht.

Gedanklich also in meinen Augen ein spannendes Experiment. Aber ich glaube, in der Praxis verhebt sie nicht fĂŒr jeden Fall (wenn ĂŒberhaupt nur fĂŒr wenige Vermögende, wie ich einschĂ€tzen wĂŒrde).
Oder nicht?

4 „GefĂ€llt mir“

Ja klar, wie justetf ja auch am Ende sagt, passt 100% Aktienanteil in der Praxis sicher nicht fĂŒr jeden( wahrs. fĂŒr die Wenigsten).

Aber ich finde es gut, dass die Studie wieder in Erinnerung ruft, dass man nach der Pensionierung nicht plötzlich ultra konservativ anlegen muss
 bzw. wie viel Rendite auf der Strecke bleibt, wenn man hier ĂŒbersteuert.

2 „GefĂ€llt mir“

Danke fĂŒrs Teilen, Jan! Die Studie ist wirklich spannend – insbesondere mit Blick auf die typische Asset Allocation von Frau und Herr Schweizer: Weit oben steht noch immer das Bankkonto.

Manchmal ist es die Scheu vor Risiko (wie in der Diskussion oben), und hĂ€ufig wohl auch einfach das «Ich kĂŒmmere mich spĂ€ter darum» – was dann nie passiert.

Die eigenen Ziele genau zu prĂŒfen und dann jeden Franken entsprechend effizient an die Arbeit zu schicken, erfordert Arbeit und Disziplin. Wird aber langfristig in aller Regel auch gut belohnt.

1 „GefĂ€llt mir“